Unsere Tochter Merlia Sophia Thomas wurde am 20.10.2014 um 3.05 Uhr geboren. Sie war ein gesundes Kind, das sich sofort gut angepasst hat. Wir waren einfach nur glücklich und stolz, unser Baby endlich im Arm halten zu können. Merlia trank an meiner Brust und schlief dabei ein. Für frisch gebackenen Eltern das größte Glück. Doch dann kam alles anders. Merlia zeigte plötzlich keine Reaktion mehr. Mein Freund holte gleich die Hebamme, und die nahm sie sofort mit ins Nachbarzimmer. Merlia hatte aufgehört zu atmen und musste wiederbelebt werden!

Klar: Für uns war das das Schlimmste, was passieren konnte. Es verging eine Stunde, in der ein Arzt nach dem anderen ins Nachbarzimmer eilte. Jedes Mal beobachteten wir, wie immer noch auf ihrem kleinen Körper rumgedrückt wurde. Wir warteten: Voller Angst, fassungslos, starr vor Entsetzen. Es war ein Horror, der sich unwirklich anfühlte. Welches Elternherz kann das – aus der größtmöglichen Euphorie stürzen in die fieseste Ungewissheit?

Wir waren in diesen Momenten wie eingefroren, unfähig zu reagieren oder das Geschehen überhaupt nur einzuordnen.

Nach einer Stunde, die sich unendlich lang anfühlte, dann die erlösende Nachricht: Merlia lebt. Aber natürlich wurde sie in die Kinderklinik verlegt, nach Jena. Da war es sechs Uhr früh, ihre Geburt war drei unwirkliche Stunden her. Drei Stunden, in denen sich unser Leben zweimal komplett umgekrempelt hatte. Erst wurden wir stolze Eltern. Dann das ängstlichste Paar der Welt.

Vier Stunden nach ihrer Verlegung durfte ich die Geburtsstation verlassen. Unser Weg führte sofort in die Kinderklinik, und den Anblick meiner kleinen Tochter dort werde ich nie vergessen: Da lag sie, angeschlossen an unzählige Schläuche und Katheter, überall steckten Nadeln in ihrem winzigen Körper. Es zerriss und fast das Herz. Die Ärzte erklärten, dass sie Merlias Körpertemperatur auf 32 Grad runter gekühlt hatten, weil das die einzige Möglichkeit war, ihre Gehirnzellen zu erhalten. Die Begleiterscheinung waren aber große Schmerzen für dieses winzige Püppi. Deswegen wurde sie in ein künstliches Koma versetzt. Diese Therapie sollte 72 Stunden dauern, 72-mal zog der Minutenzeiger seine volle Runde, 72-mal klickte der Stundenzeiger, es fühlte sich an wie die qualvollste Unendlichkeit, die wir uns hätten vorstellen können.

Denn der Ausgang war komplett ungewiss. Die Ärzte sagten, die Chancen stünden 30, 30, 30. Also ein Drittel, dass sie es nicht überlebt, ein Drittel, dass sie schwerstbehindert ist und ein Drittel, dass sie es unbeschadet übersteht.

Am ersten Tag konnten bei ihr keine Hirnströme gemessen werden. Am zweiten waren auf einmal wieder ganz viele Hirnströme da, aber sie hatte sich nun auch noch eine Infektion zugezogen und bekam Antibiotika.

Aber es passierte an diesem Tag auch etwas Positives: Sie hatte angefangen, selbst mit zu atmen.

Am Donnerstag fingen die Ärzte dann langsam an, sie aufzuwärmen. Jede Stunde ein halbes Grad. Abends um 16.45 Uhr hatte sie wieder normale Temperatur und wollte auch gleich selbstständig atmen, sodass die Ärzte sie schon eine Dreiviertelstunde später von der Beatmung abkoppeln konnten.

Am nächsten Tag durften wir sie das erste mal auf den Arm nehmen und mit ihr kuscheln – und auch wenn es beileibe keine Entwarnung gab: Das Gefühl war unbeschreiblich. Wir waren überglücklich, plötzlich war da wieder Hoffnung neben der Bestürzung, durften wir unsere Liebe wieder einen Moment fließen lassen, ohne Angst die Oberhand gewinnen zu lassen.

Merlias Zukunft blieb indes ungewiss. Obwohl im Magnetresonanztomographen keine Hirnschädigungen sichtbar waren, lagen schwere Behinderungen im Bereich des Möglichen, denn ihre Füße und Hände krampften immer wieder unwillkürlich zusammen. Allerdings konnte das auch von den Medikamenten herrühren. Deswegen taten wir, was für uns das Erträglichste war:

Wir hofften. Auf ein Wunder, wenigstens ein kleines.

 

Und tatsächlich: Mit jedem Tag wurde Merlia fitter und ihre Bewegungen weicher.

Mittwochs wechselte unser Wunderbaby von der Intensivstation auf die normale. Und schon am Donnerstag kam die Oberärztin noch einmal zu mir und sagte einen unglaublichen Satz: „Wenn sie mir ihre Tochter heute zeigen würden, würde ich sagen, sie ist ein ganz normales Neugeborenes. Ohne Vorgeschichte.“ Das erste Mal sprach die Ärztin auch von Merlias Entlassung, schon eine Woche später könnte es bei entsprechenden Befunden so weit sein.

Es war unglaublich! Als hätte die Achterbahn, in die das Leben uns mit ihrer Geburt gesetzt hatte, noch zwei Loopings mehr als erwartet. Denn plötzlich war klar: Unser Baby hatte alles unbeschadet überstanden – und das viel, viel schneller als von allen Experten erwartet.

Schon am Montag durfte sie entlassen werden. Die Ärzte rückten noch mit zwei Hammerbotschaften raus: Erstens räumten sie ein, dass sie uns angelogen hatten, denn anders als behauptet, erwachen 60 Prozent der Kinder nicht mehr aus der Kältetherapie. Und dann eine noch krassere Statistik: Merlia war erst das dritte Kind in den vergangenen 40 Jahren, bei dem der Verlauf so positiv ausging.

Unser Kind ist ein wahres Wunder, unser Sechser im Lotto.

Eigentlich wollten wir schreiben, dass es unser kleines Glück ist, dass wir jeden Tag zusammen sind und glücklich und gesund sind und letztes Jahr Weihnachten zu viert unter dem Weihnachtsbaum verbringen durften. Aber das stimmt nicht: Es ist das größte Glück, das wir haben konnten. Denn uns ist die schlimmste Katastrophe erspart geblieben. Wir nehmen jetzt sehr viele positive Umstände viel bewusster wahr, sind unseren beiden Familien für ihre Unterstützung in der Zeit unendlich dankbar – auch Merlias großer Schwester Mariella. Und wir versuchen das auch unseren Kindern zu vermitteln: Das Leben selbst ist das Geschenk, nicht irgendwelche Dinge, denen man hinterherrennt.

 


Autor_Anne&Florian