Smartphones, Whatsapp und Facebook sei dank: Wir können unsere Kinder heute rund um die Uhr im Blick behalten, selbst wenn sie gerade am anderen Ende der Welt sind. Die Frage ist nur: Wollen und sollen wir das wirklich? Wir haben für unsere Familie entschieden, dass uns die Freiheit unserer Kinder wichtiger ist als unser Bedürfnis nach (vermeintlicher) Sicherheit. Das Loslassen fällt uns trotzdem oft ganz schön schwer – aber dann zu sehen, wie stolz die Kinder sind, wenn sie wieder ein Stück eigenständiger geworden sind, gehört für uns zu den ganz großen Familien-Glückserfahrungen.

Freiheiten lassen – den Kindern vertrauen

Unser großes Kind ist neun. Seine Mai-Ferien hat es dieses Jahr in Ungarn verbracht. Ohne uns. Dafür mit 15 anderen Jungs und den zwei Trainern seiner Wasserballmannschaft. Jeden Abend stellte der Trainer drei bis vier Fotos online. Von daher wussten wir: Er sieht ganz fröhlich aus. Er ist nicht verhungert (obwohl er zuhause ein echt schwieriger Esser ist und wir uns nicht vorstellen konnten, wie er woanders damit klarkommen soll) und er hat zumindest einmal frische Klamotten angezogen. Mehr Kommunikation gab es nicht.

Umso toller war es, als die Jungs nach einer guten Woche wieder am Bahnhof ankamen. Einige leicht übernächtigt, einer mit einem großen Pflaster auf der Stirn, aber alle bester Dinge. Und gefühlt zehn Zentimeter größer als vor der Abfahrt. Und voller lustiger Geschichten über Durchmach-Versuche im Nachtzug, abendliche Partys auf dem Zimmer und die unglaublich günstigen Cola-Preise in ungarischen Supermärkten.

„So schwer es für Eltern klingen mag: Loslassen können ist eine der Grundvoraussetzungen, damit Kinder auch als Erwachsene glücklich sind“, sagt Gina Schöler, Glücksexpertin und eine der Mitbegründerinnen des Ministeriums für Glück und Wohlbefinden. „Wenn man Kindern ihre Freiheit lässt, kommen sie von alleine wieder zurück.“ Wer seinen Kindern ein großes Grundvertrauen schenke, gebe diesen Selbstvertrauen und Sicherheit mit auf den Lebensweg.

Ablösung nennt der Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge diesen Prozess. Damit sei nicht die Auflösung der Eltern-Kind-Beziehung gemeint, sondern vielmehr eine Umgestaltung dieser Beziehung. „Man geht anders aufeinander zu, stellt eine neue Verbundenheit her. Sich voneinander zu lösen und sich gleichzeitig verbunden zu fühlen, sind zwei Dinge, die zusammengehören“, schreibt der Familienfachmann. Je vertrauter die Beziehung zwischen Eltern und Kind sei, desto leichter werde es beiden Seiten fallen, die Zügel zu lockern.

Fast erwachsen – und manchmal noch ganz klein

Unseren Großen hat diese Woche ohne Eltern eindeutig verändert. Plötzlich achtet er morgens auf die Uhr, ohne dass ich vorher schon vier Mal gemahnt habe. Die Hausaufgaben sind erledigt, bevor ich überhaupt danach gefragt habe. Er hilft im Haushalt mit, ganz ohne Aufforderung. Er übernimmt von sich aus Verantwortung. Er ist unglaublich zugewandt und gleichzeitig ein ganz schönes Stück frecher geworden – auf eine sehr lustige Weise. Und er hat seine Schlafanzüge aussortiert. Für so etwas sei er jetzt zu groß. Dafür kommt er mehrmals am Tag an, um mit mir zu knuddeln und mir zu sagen, wie sehr er mich liebt.

Ich glaube nicht, dass er die gleiche Entwicklung gemacht hätte, wenn wir täglich miteinander telefoniert oder gechattet hätten. Ein paar Tage lang mal alleine klarzukommen, selber eine Lösung zu finden, wenn es nicht so läuft – das hat ganz viel neues Selbstvertrauen gegeben. Im Hintergrund war dabei ja immer die Sicherheit, sich an einen vertrauten Erwachsenen wenden zu können (der den Kindern aber grundsätzlich viel Freilauf lässt und Verantwortung gibt).

Für mich als Mutter ist es spannend zu sehen, wie sich das Verhältnis zu meinem Kind verändert. Natürlich braucht er mich noch, aber er wird gerade in großen Schritten immer unabhängiger. Manchmal macht mir das etwas Angst, weil ich denke: „Wenn er so weiter macht, zieht er bald aus“. Auf der anderen Seite macht es mich sehr glücklich zu sehen, dass da ein kleiner Mensch steht, der weiß, was er will, der sich behauptet, sein Ding macht und dabei jede Menge Spaß hat.

Als Eltern sind wir in der Verantwortung, die Grenzen immer wieder neu zu ziehen. Die erlaubten Gebiete wachsen mit unseren Kindern mit. Beim kleinen Kind reicht die Freiheit aktuell bis zum Spielplatz um die Ecke. Beim Großen bis zum St. Pauli-Stadion – und manchmal sogar bis nach Ungarn.

Titelfoto: unsplash.com/Sander Smeekes


 

Autor_Sandra