Professor Dr. Sabine Andresen arbeitet am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung im Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Die Pädagogin ist Projektleiterin des deutschen Studienteils des „Children’s Worlds – International Survey of Children‘s Well-Being“, einer international angelegten Studie, die das subjektive Wohlbefinden von Kindern untersucht.


Frau Prof. Andresen, was ist eigentlich Glück?
„Es ist ganz wichtig, zwischen „Glück haben“ und „glücklich sein“ zu unterscheiden. Denn bestimmte Aspekte des Glückhabens kann man nur bedingt selbst beeinflussen. So können sich Kinder nicht aussuchen, in welche Familie oder in welches Land sie hineingeboren werden. Beim Glücklichsein, das leuchtet auch Kindern ein, kann man trotz bester Umstände durchaus unglücklich sein. Oder man ist umgekehrt trotz widriger Lebensumstände sehr glücklich. Dieses Glück kann man nicht allgemeingültig definieren. Es ist sehr individuell – und auch sehr zerbrechlich.“
Welche Voraussetzungen tragen dazu bei, dass ein Kind glücklich ist?
„Fürsorgliche Erwachsene spielen die zentrale Rolle. Von ihrer Liebe und Zuwendung sind Kinder in ganz besonderem Maße abhängig. Die verantwortlichen Erwachsenen müssen sich dieser besonderen Abhängigkeit bewusst sein, sie reflektieren und nicht ausnutzen. Es darf keine Grenzüberschreitungen, Missachtung, Erniedrigung oder Gewalt geben. Ebenso brauchen Kinder Rückzugsmöglichkeiten, Bildung und damit die Chance, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Wichtig sind auch Freiheiten und Möglichkeiten zur Selbstbestimmung. Außerdem zähle ich eine gute ärztliche Ver¬sorgung zu den Voraussetzungen für ein glückliches Leben.“
Sie erforschen das Wohlbefinden von Kindern. Wie hängt dies mit dem Glücklichsein von Kindern zusammen?
„Sowohl in der Glücksforschung als auch bei den Studien zum Wohlbefinden werden heute das persönliche Empfinden der Kinder, ihr Erleben und ihre Weltsicht berücksichtigt. Im Gegensatz zur Glücksforschung setzen die Arbeiten zum Wohlbefinden diese Parameter jedoch in Beziehung zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Bei der Forschung zum kindlichen Wohlbefinden untersuchen wir, ob sich die Befunde verallgemeinern lassen und damit Rückschlüsse auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, den Status von Kindern in der Generatio¬nenordnung, ihre Rechte in Kitas und Schulen oder etwa auf die Erziehungsstile der Eltern zulassen. Daraus ergeben sich konkrete Veränderungsmöglichkeiten und Ansatzpunkte, wie das Wohlbefinden von Kindern verbessert werden könnte. Nicht umsonst ist die internationale Forschung zum Wohlbefinden eng mit der Diskussion um die Kinderrechte verknüpft und wird auch politisch eingesetzt.“

Superglücklich_Grafik

In der JAKO-O Kinder-Glücksumfrage bezeichnen sich 76 Prozent der befragten Kinder als „superglücklich“ bzw. „sehr glücklich“. Deckt sich das mit Ihren Forschungsergebnissen zum Wohlbefinden von Kindern in Deutschland?
„Wir sehen, dass das Wohlbefinden von Kindern in Deutschland sehr hoch ist. Dies hängt vor allem mit der Beziehungsqualität im Freundeskreis und in der Familie zusammen. Viele Familien machen einen super Job! Ich finde es aber auch wichtig, die „eher unglücklichen“ Kinder genauer anzuschauen. Was sind die Gründe für ihr eingeschränktes Wohlbefinden? Aus unseren deutschen Studien wissen wir, dass es sich dabei häufig um arme Kinder handelt, die zum Beispiel Angst vor der Arbeitslosigkeit ihrer Eltern haben. Aber auch um Kinder, deren Eltern wenig Zeit für sie haben.“

 

Autor_Sabine_Andresen