Dani Clément war ein medizinisch klarer Fall: Ging es nach den Ärzten, sollte sie kinderlos bleiben. Dann passierte das Wunder. Aber wie geht das, mit fast 40 als glückliche Nichtmama plötzlich das Lager wechseln? Hier erzählt sie es.

Manchmal will ich den Nicht-Mamas um mich herum zurufen: „Spart euch die Argumente, ich bin doch eine von euch.“ Wenn sie mir erklären, wie viel entspannter es ist, kinderlos zu sein. Glaubt mir: Ich kenne jeden einzelnen der Vorteile! Ich habe sie genossen, mich in ihnen gesuhlt, sie gelebt, es mir in ihnen bequem gemacht. Denn eigentlich sollte ich auch keine Kinder bekommen.

Ich bin kein Freund des Ausplauderns saftig-körperlicher Details, aber soviel sei verraten: Es war ein Problem der Eierstöcke. Um andere Symptome der Krankheit – neben der Nicht-Fruchtbarkeit – zu unterdrücken, nahm ich die Pille. Mehr als 23 Jahre lang. Allerdings sehr lax, sie diente ja nicht der Verhütung. Wenn ich heute daran denke, dass ich doch hätte schwanger werden können von meinen Exfreunden? Da wird mir fast schlecht.

Denn eine „Nebenwirkung“ meiner unausweichlichen Kinderlosigkeit: Ich nahm sie auf in meine pubertäre Identitätssuche und ließ mein Selbstbild davon sehr prägen. Ich würde also, so meine Einschätzung, kein Familienmensch und statt dessen ein Freigeist. Flexibel, mobil, immer auf dem Sprung. Weltoffen, ohne Verantwortung. Die Folge: Ich zog in zehn Jahren nach dem Abitur 14-mal um. Italien, England, ein Haufen deutscher Großstädte, für jeden Job und jedes Stipendium genoss ich wieder das Gefühl des Neuen. Hey, ich war eben frei und würde es bleiben! Ich wurde Redakteurin und liebäugelte mit Korrespondentenjobs. Lehrerin werden wegen der familienfreundlichen Ferienzeiten? Solche Gedanken hatte ich nicht im Repertoire. Eher sparte ich auf ein Sabbatical-Jahr in Australien als auf eine Doppelhaushälfte. Wenn überhaupt.

Ich erinnere mich an eine BBC-Dokumentation, die ungewollt kinderlose Paare jahrelang begleitete. Mit Befremden sah ich zu, wie der Kinderwunsch die Frauen und mit ihnen ihre Partnerschaften aushöhlte und manchmal ruinierte. Mir war das fremd, ich war mit meiner Kinderlosigkeit ja quasi aufgewachsen. Ich dachte beim Zusehen nur: „Die brauchen keinen Reproduktionsmediziner, sondern einen Therapeuten.“ Der ihnen sagt, dass man auch ohne Nachwuchs glücklich sein kann.

Heute verwundert mich, dass diese Frauen so sicher sein konnten, wie viel Glück ein Kind bedeutet.

Noch eine Konsequenz meiner Unfruchtbarkeit: ich suchte mir unsolide Typen. „Die netten, die eine Familie wollen, die wollen mich eh nicht“, war mein Gedanke. In meiner Partnerwahl lag also eine Art vorauseilender Gehorsam, vielleicht auch ein Minderwertigkeitskomplex, der sich mit den Jahren aber in Gleichmut wandelte.

Wahrscheinlich passierte das, als ich in das Alter kam, in dem Männer „wieder auf dem Markt“ waren. Schon Kinder hatten oder alt genug waren, um keine zu wollen. Ich fing an, Daddys zu daten und ihre abgeschlossene Familienplanung entspannte mich. Manchmal war es fast pervers: Auf einmal wurde meine Unfruchtbarkeit vom vermeintlichen Manko zum Wettbewerbsvorteil. Die Typen mussten keine Angst haben, dass ich ihnen was anhänge. Ich war jung genug, um begehrt zu werden, aber von Natur aus durch mit dem Kinderthema. Mein Komplex erodierte, und ich traute mich, um meiner selbst willen gemocht zu werden.

Damit legte auch in mir ein Schalter um – und zum ersten Mal öffnete ich die Augen für einen Mann, auf dem „Familienmensch“ stand. Der weder auf meine Unfruchtbarkeit stand, noch ein Problem in ihr sah. V. hatte schon zwei Jungs, die ich auf Anhieb sehr mochte. Seine Scheidung hatte er sich nicht selbst gewünscht, aber verarbeitet. Ihm war egal, dass wir keine eigenen Kinder haben würden, „auch wenn die wahrscheinlich cool wären.“

Zur gleichen Zeit geisterte der x-te Pillenskandal durch die Presse. Nach Bluthochdruck, Thrombosen und Diabetes sollte sie nun auch die Entstehung von Leberkrebs begünstigen. Da setzte ich meine ab, nach mehr als 20 Jahren. Mein Gynäkologe warnte mich vor den Begleiterscheinungen meiner Krankheit: Männliche Behaarung an Körper und Gesicht zum Beispiel. Ich dachte: Ich warte es mal ab. „Ich muss eine Restmöglichkeit benennen“, sagte der Doc. „Aber sie sind zu 99,9 Prozent unfruchtbar. Und um die 0,1 Prozent würde ich mir an Ihrer Stelle keine Gedanken machen.“

Ich hatte eine Abbruchblutung. Und war sechs Wochen später schwanger.

Das waren sie also, die 0,1 Prozent, und plötzlich fand ich mich in einer Situation wieder, die ich mir nie auch nur vorgestellt hätte. Ein Anruf aus den USA mit einer Millionenerbschaft oder die Enthüllung, dass ich schwedische Prinzessin bin, hätten mich nicht weniger überrascht. Aber wir freuten uns, V. und ich.

Also, V. mehr, ich beäugte das Geschehen eigentlich eher ängstlich. „Was ist, wenn er unser Glück mindert?“, weinte ich immer wieder an V.s Schulter. „Was, wenn ich ihn nicht lieb habe?“ oder „Was, wenn er immer schreit? Ich schlafe doch so gerne! Ich habe Angst, zu Hause depressiv zu werden, dass mein Leben zu Ende ist. Wir können das Kind NIE MEHR weggeben. Und wer weiß schon, ob er nett ist?“

So gern ich Veränderungen immer in mein Leben gelassen hatte: Diese Planänderung stand mir wie eine Drohung bevor. Plötzlich beäugte ich Mütter auf dem Spielplatz, in der Drogerie, unter Kolleginnen mit Angst: Das wirst du auch bald sein.

V. antwortete auf meine Ängste immer wieder, fast monoton, aber jedes Mal liebevoll: „Du wirst ihn schon liebhaben. Es wird dir schon gefallen.“ Damals dachte ich: Der versteht mich nicht. Heute weiß ich: Ich habe ihn damals nicht verstanden.

165432_10200456951719075_2108898913_n-1Denn die neun Monate vergingen. Und Philips erster Schrei, das war der Moment, der alles verändert hat. Eine Freundin sagte mal: „Es ist doch nur fair, dass Kinderlose das nie erfahren werden. Sie können es nicht vermissen.“ Denn das Glück ist so groß, dass es nicht in Worte passt. So groß, dass allein der Gedanke an den Moment mir noch heute, anderthalb Jahre später, die Tränen in die Augen treibt. Ein Beschreibungsversuch: Nimm jede Verliebtheit, die du je hattest. Jede positive Überraschung. Jedes Gefühl, eins zu sein mit der Welt und an deinem Platz angekommen. Mix das mit Euphorie. Beförderung, gewonnene WM und ein angenehmer Schwips dazu. Dann hast du noch nicht die Hälfte des Weges. Es ist einfach ein so allumfassendes Glücksgefühl, das mir bis dahin unbekannt war. Und hey, ich bin sehr glücksfähig!

Aber alles davor war plötzlich winzig neben der Geburt meines Kindes. Und das Gefühl hält an.

Aber abgesehen von dieser Glückseligkeit und dieser Liebe, die plötzlich in mir wohnen (und auch meinen Mann einschließen übrigens, mehr noch als vor Philips Geburt): Ich fühle mich nicht als jemand anderes. Ich denke immer noch: Ich könnte die Alte sein. Ich war schon immer ein chaotischer Mensch, und daran konnte auch Philip nichts ändern. Da kommt es schon mal vor, dass ich in der Stadt stehe, ohne Essen und Windeln für ihn. Wir haben beide gelernt, das mit Humor zu nehmen. Philip isst auch mal ein Brötchen zwischendurch und hält es bis zur nächsten Drogerie in einer Pipiwindel aus, ohne zu murren.

Ich lese keine 17 Bücher über Beikost, Babysprache und erste Hilfe im Monat. Eigentlich gehe ich das mit der Mutterschaft an wie meine Jobs vorher: Ich weiß, ich habe ein funktionierendes Hirn. Ein gesundes Herz. Und wo mein Wissen endet, frage ich Andere. Das klappt gut, meinen Pragmatismus musste ich nicht ablegen. Und ich lebe mit dem Wissen: Ich war auch ohne Philip glücklich. Ich habe meinen Mann nicht als Familienvater ausgesucht, sondern als meinen Partner. Artgenossen. Seelenverwandten. Mein Sohn soll keine Versicherung gegen Einsamkeit, Langeweile oder was es noch für Gründe gibt sein.

Und trotzdem unterscheidet mich natürlich plötzlich etwas von den Nicht-Mamis. Und von meinem früheren Ego. Ich bin verletzlicher, weil auf einmal so viel auf dem Spiel steht. Würde mir jemand mein Kind nehmen – allein der Gedanke fühlt sich an, als reißt es mir buchstäblich das Herz raus. Aber auch meinen Mann: Würde er gehen, dann wäre das nicht mehr „nur“ der Verlust meiner Partnerschaft. Sondern meines Zuhauses. Meines Ankers. Meiner Familie. Es würde mir plötzlich einen Teil meiner Selbst rauben, Single zu sein. Ich bin ängstlicher geworden, wenn er auf Dienstreise fährt. Wenn ich fliege. Ich habe eine Risikolebensversicherung abgeschlossen. Damit Philip versorgt ist, sollte mir was zustoßen.

Natürlich habe ich Dinge aufgegeben. Im Urlaub und an den Wochenenden fällt mir das besonders auf. Wenn ich einfach mit meinem Mann kuscheln, einen Kaffee trinken oder sonnen will: Das geht eben nicht. Ich vermisse V. dann sehr, selbst wenn er neben mir sitzt. Ein Sabbatical in Australien wird es die nächsten 18 Jahre nicht geben, der Traum ist ausgeträumt.

Oder das Schreiben. Mein Blog, meinen Beruf, eigentlich liebe ich das. Aber ich finde die Zeit nicht – und abends nicht die Energie. Wenn ich Erzählungen von Karrierefrauen lese, die ihr Kind von Anfang an mit hatten bei der Arbeit, dann denke ich: Was waren das für Kinder? Meiner setzt sich nicht unter den Schreibtisch und beschäftigt sich. Philip ist immer auf Achse. Arbeiten, während er nicht in der Kita ist, ist undenkbar. Und eigentlich hätte ich gerne Karriere gemacht. Als das letzte wirklich gute Angebot kam, war ich aber schon schwanger. Der Zug könnte abgefahren sein, das weiß ich.

Aber dann wieder weiß ich auch: Das Leben lässt sich eben nicht bis ins letzte planen, der Kleine ist der beste Beweis. Und Philip wird nur sehr kurz so klein sein. In 13, 14 Jahren wird er keinen Bock mehr auf Urlaub mit uns haben. Dann bin ich Anfang 50, und V. und ich können wieder reisen. Wieder Kaffee trinken und kuscheln so viel wir mögen. Ich kann schreiben und arbeiten bis ich umfalle. Vielleicht schenkt mir das Schicksal dann doch noch meine Karriere, so wie mein Kind.

Ich seh1017045_10201379438820676_2119298013_n-1e meine „Opfer“ als winzigen Preis für das Geschenk, das der Himmel mir gemacht hat. Es ist ein Geschenk auf Zeit, und ich habe vor, es zu genießen.

 


Autor_Dani_Clement