Um sechs klingelt der Wecker und egal wie viele (oder besser wie wenige) Stunden Schlaf ich hatte, ich stehe wie ein Roboter auf, wanke in die Küche, mache mir einen Kaffee und schmiere Schulbrote, bereite das Frühstück vor, husche zehn Minuten ins Bad, wecke die Kinder, helfe beim Waschen, Zähne putzen, Anziehen, dann packen wir alles zusammen, laufen mit dem mittleren Kind in die Schule und gehen dann weiter zum Kindergarten. Wenn alles glatt läuft, bin ich um neun Uhr in der Arbeit.

Verpasse ich eine Tram oder eine U-Bahn oder gibt es plötzlich eine neue Baustelle auf dem Weg in die Kita, die noch ausführlich begutachtet werden muss, kostet das schnell zwanzig Minuten. Vierzig Minuten kostet es, wenn ich die falschen Socken rauslege und etwas so Unmenschliches verlange, wie, dass das Kindergartenkind sie selbst anzieht.

Diese Minuten fehlen mir den ganzen Tag, ich renne ihnen ununterbrochen hinterher, und in der Regel schaffe ich es nicht, sie bis zum Abend aufzuholen.

Ich habe versucht, mehr Zeitpuffer einzubauen, aber es passiert immer irgendwas, das die ganze Planung auf den Kopf stellt. Schneller! Das muss doch effizienter gehen? Hetzen! Kinder anflehen. Schneller. Schneller! Im Kopf schon immer beim nächsten Punkt auf der Agenda. Ich muss doch noch! Hab ich eigentlich schon? Wäre es nicht an der Zeit, endlich mal wieder?

Das hatte ich so satt. Denn das Resultat ist immer dasselbe. Am Ende des Tages hab ich nicht alles geschafft, bin völlig erschöpft und schlimmstenfalls hab ich eine Kacklaune.

Also habe ich als erstes alle Extras aus unserem Alltag gestrichen. Keine festen Spielplatzverabredungen, keine Bastelnachmittage, kein irrsinniges Hin- und Hergekarre zu irgendwelchen Kinderhobbys. Familienalltag ist auch ohne zusätzliches Programm voll: Elternabende, U-Untersuchungen, Kindergeburtstage, Wäsche waschen, Wohnung aufräumen, Hausaufgaben, Kinder baden und Haare waschen, vorlesen … das Übliche eben und zwar jeweils multipliziert mit der Anzahl der Kinder.

Ich versuche also, nur das Nötigste zu erledigen und manchmal tue ich Dinge, die man öffentlich vermutlich nicht erwähnen sollte: Wenn ich müde bin, gibt es z. B. ziemlich oft Fertigpizza oder Pommes. Wenn die Sonne scheint, gibt es Eis. Auch im Winter. Ich kaufe Fertiglaternen. Der Weihnachtsbaum ist künstlich. Ich hole ihn aus dem Keller und stecke ihn in die Steckdose. Fertig. Wir schauen ‚Shaun das Schaf ’ und ‚Sendung mit der Maus’, wenn wir alle platt sind. Das Kinderzimmer wird nicht jeden Tag aufgeräumt. Die Klamotten haben manchmal Flecken und an und ab finden sie ihren Weg vom Wäscheständer gar nicht mehr in den Schrank, sondern direkt an den Körper. Wenn wir etwas zum Kindergartenbuffet beisteuern müssen, besorge ich einen Kuchen, den man einfach nur auftaut.

Wenn es irgendwie geht, versuche ich, bestimmte Aufgaben auszulagern. Einkaufen zum Beispiel. Ich bestelle meine Lebensmittel online bei einem Lieferdienst und spare so rund drei Stunden. So lange dauert das nämlich mit den Kindern in den nächsten Supermarkt zu gehen und dann alles mit der Tram nach Hause in den vierten Stock ohne Aufzug zu schleppen.

Man muss eben Prioritäten setzen. Der Lieferdienst kostet extra, im Gegenzug frieren wir im Winter ein bisschen. Ich heize nämlich erst, wenn man den kondensierten Atem sieht. Es gibt so viel, was man tun kann, BEVOR man leichtfertig heizt. Lange Unterwäsche, warme Rollkragenpullover, Skihosen. Bei uns hat jeder eine Kuscheldecke und die schlagen wir uns um die Schultern und laufen wie Könige mit langen Schleppen durch die Wohnung, wenn wir von Zimmer zu Zimmer schreiten. Irgendwo muss man eben sparen, was soll’s.

Außerdem gilt bei uns die Regel: nichts muss gut aussehen.Weder wir noch die Dinge, die wir herstellen. Auch hier spart man eine Menge Zeit. Meine Mutter leidet bei unserem Anblick immer ein wenig. „Die Kinder haben da einen Fleck, willst du sie nicht umziehen?“, fragt sie dann. „Nein, vielen Dank, möchte ich nicht“ – denn, ganz ehrlich, nach ungefähr drei Minuten haben sie wieder einen neuen Fleck.

Ähnlich derangiert wie wir, sehen die Dinge aus, die wir (wenn es sich nicht vermeiden lässt) basteln oder kochen. Ich lasse die Kinder sehr gerne im Haushalt mithelfen. Je nach Alter klappt das besser oder schlechter. Wenn das Ergebnis optisch nicht der Norm entspricht oder gar nicht zu erkennen ist, geben wir ihm wohlklingende Namen. Viele unserer Gerichte haben im weiteren Sinne das Wort „Explosion“ im Titel. „Kartoffelpüreeexplosion an Tiefkühlgemüse“ oder „Nudelvulkan mit Käsesoße“ zum Beispiel.

Seitdem ich das so entschieden habe, geht es mir und damit auch den Kindern besser. Ich muss nicht mehr auf Wochenenden oder Urlaub warten, um schöne Sachen zu erleben oder um auf Entspannung zu hoffen. Ich zwinge mich, mit dem Kopf bei einer Sache zu bleiben und nicht schon geistig in den nächsten Punkt der ToDo-Liste abzugleiten. Die schönen Momente warten jetzt einfach im Alltag auf mich. In den Gesichtern meiner Kinder, die mir mit leuchtenden Augen etwas aus ihrem Alltag erzählen. In ihren Händen, die sie mir beim Vorlesen auf den Arm legen, oder in ihrem Lachen, wenn ich sie beim Schaukeln so hoch anschubse, wie ich kann.


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