Vor 30 Jahren lag das Glück für Kinder noch auf der Straße: Draußen zu spielen gehörte für die Generationen im vergangenen Jahrhundert zur Kindheit wie der Baukasten ins Kinderzimmer. Verstecken und Abschlagen, Hütten bauen, Gummitwist und Hüpfekästchen – irgendjemand hatte immer eine Spielidee. Und kein Erwachsener sorgte sich, ob der Baum zum Klettern zu hoch oder der Stock zu spitz war.


Irgendwann begannen die Freiräume jedoch zu schrumpfen: der Straßenverkehr wuchs, ebenso die Zahl der Fernsehprogramme und anscheinend auch die Angst der Eltern. Das Herumtoben im Freien erschien als nutzloser – gar gefährlicher – Kinderkram. Wo doch Zuhause immer mehr Beschäftigungsmöglichkeiten warteten, bei denen keine Gefahr aufgeschlagener Knie oder Beulen am Kopf drohte: Spezielle Kinderprogramme im Fernsehen, Computerspiele für jedes Interesse und immer mehr Spielzeug, das die Kinderzimmerregale füllt. Kinder, die nach ein paar Stunden an der frischen Luft zufrieden und müde getobt wieder nach Hause kommen – das zählt wenig als Argument gegen die Indoor-Spielekonkurrenz. Doch Pädagogen, Psychologen, Hirnforscher, Mediziner und Sportwissenschaftler sind sich einig: Das freie Spiel draußen fördert in einzigartiger Weise die körperliche, geistige und seelische Entwicklung von Kindern. „Es muss einen Kulturwandel geben“, fordert deshalb auch Dr. Christiane Richard-Elsner, Expertin beim ABAFachverband und Mitinitiatorin der Website www.draussenkinder.info. Denn viele Argumente sprechen dafür, den Nachwuchs häufiger „an die Luft zu setzen“.

Was das „Draußenspielen“ so besonders macht

Weil Draußenspielen im Idealfall „frei spielen“ bedeutet, frei von erwachsenen Aufpassern und frei, das zu spielen, was und wie man will.

Kinder wählen ihre Ziele, die sie auch schnell mal verändern, wenn es nicht so klappt, wie sie es sich vorgestellt haben. So machen sie eigenständig Erfahrungen. Sie müssen immer wieder neu abgleichen, ob sie mit ihrem Tun richtig liegen, ob ihr Rollenspiel zum Beispiel gut ankommt,

so Christiane Richard-Elsner. Das freie Spielen fördere so Eigeninitiative und Kreativität sowie das Selbstwertgefühl: Denn die Kinder erfahren: „Das habe ich geschafft“. Beim Draußenspielen begegnen den Sprösslingen vielfältige Reize und Sinneseindrücke: Hitze und Kälte, weicher Matsch in den Händen, Gras unter den Füßen, ein knorriger Baum, stacheliges Gestrüpp oder eine faszinierend tiefe Pfütze. Sie fordern zum Spielen heraus, zum Erfahrungen machen und zum Grenzen ausloten – immer wied754326_4c_MR_093er, aus eigenem Antrieb. Nur draußen haben sie den Platz, um sich körperlich in vielerlei Art und Weise auszutesten. Und nur hier treffen sie möglicherweise auf ganz unterschiedliche andere Kinder: ältere, jüngere, Jungen und Mädchen, bekannte und unbekannte. Beim freien Spielen müssen sie selbst besprechen, was sie spielen wollen, wie es ablaufen soll oder welche Regeln gelten. Es gilt Entscheidungen zu treffen und Konflikte zu lösen. Wer gegen die Abmachungen verstößt, muss mit Konsequenzen rechnen. Denn vielleicht mag künftig keiner mehr mit einem spielen.

Im Kindergarten oder in der Schule fehlt dieser Anreiz, sich auf Kinder mit ganz anderen Interessen einzulassen

sagt Christiane Richard-Elsner. Denn hier neigten die Sprösslinge dazu, sich nur mit Gleichaltrigen mit ähnlichen Vorlieben zusammenzutun.

Das Risiko und die Angst der Erwachsenen

Das Risiko ist, dass es kein Risiko gibt: Denn Kinder müssen Risikokompetenz lernen. Sie müssen ausprobieren dürfen, was sie können und was sie jetzt noch nicht, aber vielleicht später können. „Kinder brauchen Freiräume, um Risiken einzugehen“, sagt die Expertin Dr. Christiane Richard-Elsner.
So entwickelten sie einen Blick für das Machbare. Überbehütete Sprösslinge seien dagegen viel mehr gefährdet, sich zu überfordern. „Und ein paar Schrammen schaden nicht und gehören zu einer Kindheit einfach dazu“, meint die Fachfrau. Außerdem würden Kinder von sich aus Verantwortung übernehmen, wenn sie wissen, dass sie nicht unter der Kontrolle von Erwachsenen stehen.

Die besten Spielplätze
… sind nicht die mit dem modernsten Klettergerüst! Sondern die mit vielen Anregungen und mit viel Platz. Immer spannend bleibt deshalb das Spielen in der Natur vor der Haustür, auf der Brache, im verwilderten Garten, auf der Wiese, im Wald, am Bach.

Was Eltern davon haben, ihre Kinder „laufen zu lassen“
Spielen gehört zum Leben wie Essen, Trinken und Schlafen. Und so wie unsere Nahrung uns mit allem versorgen sollte, was unseren Körper gesund erhält, holen Kinder sich im Spiel ihre Impulse für eine gute Entwicklung. Kinder brauchen dabei das freie Spiel draußen und sie können mit dieser Freiheit umgehen! Eltern dürfen ihre Sprösslinge also mit gutem Gewissen rauslassen. Das entlastet auch von dem Gefühl, den Nachwuchs ständig sinnvoll beschäftigen und betreuen zu müssen.