Eigentlich bin ich ausgesprochen zufrieden mit meinem Leben. Um nicht zu sagen: Glücklich. Ich habe tolle Kinder, einen wunderbaren Mann, ich mag meinen Job, ich bin gesund. All das weiß ich sehr zu schätzen. Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen ich gerne mein Leben mit jemand anderem tauschen möchte. Wenn ich einen anstrengenden Bürotag hinter mir habe und die Kinder abends Gummitwist mit meinen Nerven spielen. Wenn in unserer Wohnung wieder mal gefühlte 1000 Sachen rumliegen, für die es einfach keinen passenden Platz gibt, weil uns eigentlich ein Zimmer fehlt. Manchmal auch einfach auch nur, wenn ich im Supermarkt eine Viertelstunde lang mit knurrendem Magen an der Kasse anstehe. Es ist also noch ein bisschen Luft nach oben beim Glücklichsein – und das lässt sich gezielt trainieren, behaupten Experten.

Training finde ich gut. Ich gehe gerne und oft in den Sportverein und zum Laufen. Warum also nicht zusätzlich zu meinen Bauchmuskeln an meinen Glücksgefühlen arbeiten?

Erster Schritt: Erstmal einlesen ins Thema, etwas Theorie schadet in der Regel ja nie. Eine erste Recherche im großen Internetkaufhaus ergibt 5934 Treffer zum Suchbegriff „Ratgeber Glück“. Die Palette reicht von „Eine Handvoll Glück: 50 Rituale, die das Leben erleichtern“ über „Glück: 24 Vitamine für alle Lebenslagen“ bis „Minimalist. Mehr Freiheit. Mehr Geld. Mehr Glück“. Wer möchte, kann sich regelrechte Trainingspläne für den Weg zum Glück kaufen. Ob das funktioniert? Ich habe meine Zweifel und darüberhinaus viel zu wenig Zeit, um mich durch einen Stapel Ratgeber zu lesen.

Einmal ist kein Mal – Glücksgefühle brauchen Wiederholungen

Alternativ suche ich lieber im Netz nach meinem Weg zum Glück. Gute 700 000 Treffer für meine Suche „Glück trainieren“. Na dann, los geht’s… Vor allem interessiert mich erstmal, ob man das Glück wirklich gezielt trainieren kann und wie das funktionieren soll. Kann man definitiv, sagt unter anderem der Wissenschaftsautor Stefan Klein, der das Buch „Die Glücksformel“ geschrieben hat. Er rät dazu, sich gezielt in Situationen zu bringen, in denen man wahrscheinlich Glück oder Freude empfinden wird. Wer das häufig tue, bei dem verändere sich das Gehirn – es werde durch die Erfahrung geformt. Mit der Zeit falle es dann immer leichter, Gefühle wie Freude oder Glück zu erleben. Die Bedingung dafür ist allerdings, dass man sich häufig und immer wieder in angenehme Situationen bringt. Genau wie beim Sport macht auch beim Glückstraining die Zahl der Wiederholungen den entscheidenden Unterschied.

Man muss dranbleiben, bestätigen auch Wissenschaftler der Universität Zürich, die für eine Studie 180 Frauen und Männer zehn Wochen lang gezielt für mehr Lebenszufriedenheit trainieren ließ. Die Teilnehmer der Studie fanden ihr Leben bereits davor „ganz okay“. Nach Abschluss des Trainings gaben laut der Forscher alle an, heiterer und häufiger positiver Stimmung zu sein. Dafür sei keine radikale Umstellung des Lebens nötig gewesen – es reichte, kleine Übungen in den Alltag einzubauen.

Stärken machen glücklich

Das Konzept des Glückstrainings basiert auf den Ideen der Positiven Psychologie. Dabei handelt es sich um eine vergleichsweise junge Fachrichtung, die nicht an den Schwächen, sondern an den Stärken der Menschen ansetzt. Wer diese trainiert, erlangt auf Dauer mehr Lebenszufriedenheit als jemand, der ständig an seinen Schwächen arbeitet, so die Theorie der positiven Psychologen. Aus deren Sicht ist Glück machbar. Es ist keine Frage des Schicksals, sondern lässt sich erarbeiten.

Entscheidend für ein glückliches Leben sind laut der Positiven Psychologie ein ganzes Bündel von Charakterstärken. Am wichtigsten davon sind Neugier, Bindungsfähigkeit, Dankbarkeit, Humor, Ausdauer und Enthusiasmus. Wer mehr über seine persönlichen Charakterstärken wissen möchte, kann diese zum Beispiel bei der Universität Zürich online testen lassen. Tipp: Im Sinne des eigenen Glücks bitte nicht als erstes nach ganz unten auf die Ergebnisliste sehen, um die vermeintlichen Schwächen zu entdecken, sondern sich lieber über die eigenen Stärken oben auf der Liste freuen!

Trainings-Tipps vom Glückscoach

Soweit die Theorie. Bleibt die Frage: Wie funktioniert das denn konkret mit dem Training für ein glücklicheres Leben? Laut der Mehrzahl der Experten klappt das bereits mit kleinen Übungen und auch mit wenig Zeit – lediglich täglich ein paar Minuten sind dafür nötig. Bewährt hat sich als Methode zum Beispiel das Glückstagebuch: Jeden Abend notiert man hier vor dem Einschlafen drei positive Dinge, die man im Lauf des Tages erlebt hat. Damit wird das Gehirn auf positive Erinnerungen umgepolt – angeboren ist eine stärkere Erinnerung an negative Ereignisse, selbst wenn es davon vielleicht nur eines, dafür aber fünf gute Ereignisse gab.

Andere Übungen erfordern etwas mehr Aufwand – wie beispielsweise die Zufriedenheitstorte oder die „beliebigen Aktion der Freundlichkeit„, bei denen man geplant anderen Leuten etwas Gutes tut. Wer dafür Inspirationen sucht: Jede Menge Tipps und Ideen gibt es auf der Webseite random acts of kindness.

Wer mehr möchte, findet auch ganze On- und Offline-Trainingsprogramme rund ums Glück, für kleines und größeres Geld und manchmal auch umsonst – etwa im Rahmen des „Zürcher Stärken Programms“. Wer bei diesem Programm der Universität Zürich mitmachen will, muss sich anmelden und auf den nächsten Kurstermin warten. Teilnehmen kann man online. Voraussetzungen sind täglich 5 bis 15 Minuten Zeit, das Ausfüllen einiger Formulare in der Vor-Programm-Phase und die Bereitschaft, den Wissenschaftlern hinterher Feedback zu geben.

Da Neugier definitiv zu meinen Charakterstärken gehört, habe ich mich für dieses Programm bereits angemeldet. Bis der nächste Kurs startet, teste ich aber erstmal die anderen Möglichkeiten, die mich zu einem noch glücklicheren Menschen machen sollen. Mein Glückstagebuch liegt schon bereit…

 


Autor_Sandra