Ein Leben in Sicherheit und Freiheit, ohne Verfolgung und Not, das erhoffen sich Flüchtlinge in Deutschland. wirbelwind-Redakteurin Kareen Klippert besuchte eine tschetschenische Familie in ihrer Flüchtlingsunterkunft in einer nordbayerischen Stadt. Während deutsche Mütter und Väter vom nächsten Urlaub träumen, von einem besseren Job, vom eigenen Haus, wünschen sich Madina, Saypti und ihre drei Söhne nichts mehr als die Anerkennung ihres Asylantrages.


Eine Heimat haben und ein Zuhause: Das sind für Madina und Saypti zwei Orte, die weit weg voneinander liegen. Seit drei Jahren lebt das tschetschenische Ehepaar mit seinen drei Jungs in einer Flüchtlingsunterkunft. Hier hat die Familie ein Zuhause gefunden. Ein Zuhause auf Zeit. Denn jederzeit kann ein Brief mit der Ankündigung einer Abschiebung im Briefkasten liegen oder die Ablehnung des Asylantrags. „Ich habe immer Angst“, sagt Madina. „Aber ich habe auch große Hoffnung. Das bleibt uns bis zuletzt.“ Was passiert, wenn sie nicht bleiben dürfen? Solchen Gedanken will die 34-Jährige nicht nachhängen. Sie kann sich nicht vorstellen, unter den derzeitigen Bedingungen in Tschetschenien zu leben. „Mein Mann und ich haben unsere Wurzeln dort und immer noch Heimweh“, sagt Madina. Heimat solle aber ein Ort sein, an dem Menschen sicher sind und sich wohlfühlen. Das sei in Tschetschenien nicht der Fall: Bei den seltenen Telefonkontakten zu Verwandten könne man nicht offen reden, Land werde grundlos beschlagnahmt, Menschen würden eingeschüchtert.

„Es war schrecklich, wir hatten Angst und mussten schließlich fliehen.“

Die Familie sei dort aus politischen Gründen bedroht und verfolgt worden, weil ihr Ehemann Saypti sich bei einer Menschenrechtsorganisation engagiert habe. Die Gruppe kümmerte sich in dem Land um Flüchtlinge. „Es war schrecklich, wir hatten Angst und mussten schließlich fliehen“, erzählt Madina.  Madina ist Zahnärztin und will hier ihr Diplom anerkennen lassen, um in ihrem Beruf zu arbeiten. Ihr Mann hat eine Ausbildung als Schweißer und als Sportlehrer. Er weiß, dass es schwer sein wird, eine Anstellung zu finden, wünscht sich aber eine Chance. „Wir wollen nicht so leben wie jetzt. Wir wollen arbeiten, Steuern zahlen. Wir wollen nützlich für die Gesellschaft sein“, sagt Saypti.

Froh ist die Familie über die Wohnung, die sie mit keinen Fremden mehr teilen müssen. „Am 9. September vor zwei Jahren haben wir die eigene Wohnung bekommen, das war ein so glücklicher Tag, dass ich das Datum noch ganz genau weiß“, erzählt Madina. Vorher war die Familie mit neun anderen Flüchtlingen in einer gemeinsamen Wohnung untergebracht. „Sie kamen aus Afrika, aus ganz verschiedenen Kulturen und wir konnten nur mit einem von ihnen reden, der etwas Englisch sprach“, sagt die 34jährige. „Wir waren natürlich dankbar über die Unterkunft. Aber das war nicht einfach für uns. Die Vorstellungen von Sauberkeit sind doch sehr unterschiedlich“, formuliert Madina diplomatisch. Denn eigentlich will sie nicht meckern.

Wir wollen doch nur eine gute Zukunft für unsere Kinder.

Die 34jährige Tschetschenin hat in den drei Jahren in Deutschland sehr gut deutsch sprechen gelernt. Ihr Ehemann tut sich mit dem Sprechen etwas schwerer als sie, versteht aber fast alles. Zu verdanken hat das Paar seine Sprachkenntnisse und die gute Eingewöhnung dem ehrenamtlichen Engagement von „Frau Ruth“. „Sie wollte, dass wir schnell Deutsch lernen und uns unabhängiger fühlen. Außerdem hatte sie immer Zeit für uns und hat geholfen, wo sie konnte“, lobt Madina. Sie selbst engagiert sich ebenfalls in Flüchtlingsprojekten. Russisch sprechende Flüchtlinge, die keinen Deutschkurs besuchen können, unterstützt sie als Dolmetscherin bei Behördengängen oder Arztbesuchen.

Während die 34jährige Mutter und ihr 50jähriger Ehemann ihre Wurzeln in Tschetschenien spüren, beginnt für die drei Söhne Abu (elf Jahre), Umar (zehn Jahre) und Mukmad (fünf Jahre) Deutschland zur Heimat zu werden: Die Jungs sprechen untereinander Deutsch und verbessern ihre Eltern schon mal. „Die beiden Älteren haben in der Grundschule hier Deutsch gelernt und der Jüngste im Kindergarten. Wir sind sehr dankbar, wie gut sie aufgenommen wurden und wie sich die Lehrerin um sie gekümmert hat“, erzählt Madina.

Meine Freunde habe ich doch alle hier.

Der Älteste, Abu, wechselt jetzt mit guten Noten ans Gymnasium und freut sich aufs Englischlernen – seine sechste Sprache. Er und sein Bruder sind in Georgien geboren und haben im Kindergarten Georgisch gelernt, dann in der dortigen Schule Russisch. Die Eltern üben mit ihnen außerdem Tschetschenisch. Weil sie den Koranunterricht in einer türkischen Moschee besuchen, können Abu und Umar zudem noch ein wenig Arabisch. Wieder weggehen von hier in ein anderes Land, das will Abu nicht: „Da fühlen wir uns wieder fremd und müssen uns an alles gewöhnen. Meine Freunde habe ich doch alle hier“, meint der Elfjährige. Und Madina fügt an: „Wir wollen doch nur, was alle Eltern wollen: das Beste für ihre Kinder. Wir wollen eine gute Zukunft für sie. Sie sollen hier in Frieden, Freiheit und Sicherheit aufwachsen und ein normales Leben führen können.“