Willst du später Kinder? Nicht jeder, der heute eine Familie hat, hätte dies schon immer ohne Zögern bejaht. So auch Kathrine: „Für mich stand lange Jahre nicht fest, ob ich das möchte. Und doch habe ich eine Familie – und nicht, wie man hier vielleicht denken mag, durch einen „Unfall“, sondern ganz bewusst.“


Kathrine ist 36 Jahre als sie ihrem Mann Nikolaus begegnet. Beide sind Architekten, sie arbeiten im gleichen Büro in Berlin. Zum ersten Mal kann sich Kathrine vorstellen, ihre eigene Familie zu gründen.

„Mit Nikolaus konnte ich mir das erste Mal eine eigene Familie vorstellen.“

Nach zwei Jahren mit Nikolaus erwartet Kathrine ihr erstes Kind. Sie hat Angst – vor der Schwangerschaft und vielleicht auch vor den Veränderungen. Die in Amerika als Tochter einer Schweizerin und eines Norwegers geborene Kathrine war es gewohnt, unabhängig zu sein. Mit Kindern geht das nicht mehr so einfach. Vor allem aber hat sie Angst vor der Geburt. „Heute muss ich darüber schmunzeln, denn im Nachhinein ist für mich die Geburt das größte Erlebnis gewesen.“ Zweieinhalb Jahre nach Gracia Elena, genannt Gracie, kommt Gian-Fredrik Elia auf die Welt. Zwei Wochen nach der Geburt ihres Sohnes meldet das Architekturbüro Insolvenz an. Kathrine und Nikolaus müssen einen Plan entwickeln. In Bochum, Nikolaus Heimat, findet er einen neuen Job. Das Großstadtleben in Berlin lassen sie dafür schweren Herzens zurück.

US_20150621_5518Kurz vor dem Umzug liest Kathrine von der Aktion des Familien Mutmachbuchs von JAKO-O und entscheidet, mitzumachen. Sie will zeigen: Familie ist nicht immer einfach, aber es lohnt sich. Über die aktuelle Situation schreibt sie damals: „Das Leben in der Familie ist nach wie vor ein Hoch und Runter. Viel harter Alltag aber auch wundervolle Momente.“ Als auch Gian-Fredrik in die Kita kommt, widmet sich Kathrine immer mehr ihrem Traum, sich selbstständig zu machen.

Nach einiger Zeit in Bochum finden sie ein Grundstück gleich um die Ecke ihrer Wohnung. Ein Glückstreffer für die beiden Architekten. Und Kathrine fängt direkt an, das neue Eigenheim ihrer Familie zu planen. Mittlerweile leben Kathrine (52), Nikolaus (51), Gracie (14) und Gian-Fredrik (12) seit über vier Jahren in dem gelbgrünen Haus. Im Vorgarten steht ein Apfelbaum, der vier verschiedene Apfelsorten trägt. Kathrine liebt Botanik. Beim Ausflug in den botanischen Garten in Bochum kann sie die exotischsten Pflanzen benennen. Auch Gian-Fredrik interessiert sich für die Tiere und Pflanzen und merkt sich die kleinsten Details.

US_20150621_5116Mit ihrer Naturbegeisterung konnten sie auch Gracie anstecken: Seit vier Jahren züchtet sie Bienen und sorgt damit regelmäßig für leckeren Honig auf dem Frühstückstisch. Einmal in der Woche fährt sie mit Nikolaus in die Kleingartenanlage zu den Bienenstöcken. Gemeinsame Vater-Tochter-Zeit.

Die Bienen sind für Gracie und Papa Nikolaus zum gemeinsamen Hobby geworden.

Zu dem Bienenprojekt ist Gracie über die Schule gekommen. Sie und Gian-Fredrik gehen beide auf eine inklusive Gesamtschule. Oft gibt es in der Schule gemeinnützige oder Natur-Projekte. Kathrine und Nikolaus war das sehr wichtig.

Gracie ist voller Energie und Wissbegierde: Sie hält Vorträge zu ihrem Imker-Hobby, ist Mitglied im Schwimmverein, Schülervertreterin, Mitglied der Junior Akademie in der Schule. Ganz nebenbei spielt sie auch noch Gitarre. In drei Jahren, wenn sie in die 11. Klasse kommt, möchte sie für ein halbes Jahr nach Sydney.

Gian-Fredrik dagegen fasziniert die Architektur von Gebäuden, da kommt er ganz nach seinen Eltern: Kurz nach einem Besuch in Paris hat er zum Beispiel den Arc de Triomphe mit einem Computerprogramm nachgebaut. Doch Austoben muss auch sein. Und das am liebsten auf dem Tennisplatz. Im letzten Jahr war er Junior-Clubmeister in der Altersgruppe U12. Mittlerweile ist er so gut, dass Kathrine und er gegeneinander spielen können.

„Ich bin sehr froh, dass es doch so gekommen ist.“  

US_20150621_6546Vor ein paar Monaten sind in der Sporthalle gegenüber Flüchtlinge untergebracht worden. Kathrine ist nach ein paar Tagen rübergegangen, um zu fragen, ob sie helfen kann. Seitdem betreut sie eine kosovo-albanische Familie: Den Kindern der Familie hat sie bei der Anmeldung in der Schule geholfen, Geburtstage wurden gemeinsam gefeiert, der typische Alltag in der jeweils anderen Kultur gezeigt. Kathrine und Nikolaus vermissen zwar immer noch das Leben in Berlin. Doch die Schicksale ein paar Meter weiter rücken alles wieder in Relation.


Wenn man Kathrine heute fragt, ob eine eigene Familie die richtige Entscheidung war, scheint sie sicher: „Auf jeden Fall. Jetzt, wo die Kinder schon so viel größer sind, wird es auch zunehmend einfacher. Ich habe nie gesagt, dass ich unbedingt eine Familie haben möchte. Aber ich bin sehr froh, dass es doch so gekommen ist.“