Familie ist immer da. Sie ist einer dieser universellen Identifikationspunkte, die das Selbstverständnis jedes Einzelnen prägen. Wem sie abhanden gekommen ist, der sehnt sich nach ihr. Wem sie zu viel geworden ist, der trachtet danach, ihrer Unausweichlichkeit zu entkommen. Jede Generation, die daran beteiligt ist, erlebt das Ereignis Familie wohl auf eigene Weise. Vielleicht ist der Übergang vom Kindsein zum Erwachsensein erst mit der Geburt der eigenen Kinder wirklich vollzogen. Vielleicht stellt sich erst, wenn die eigenen Kinder Kinder haben, das Gefühl ein, es geschafft zu haben. Auf jeden Fall können wir Familie nicht ablegen, uns nicht lossagen. In kaum einem anderen Aspekt des Lebens sind wir so sehr um Verstehen und Begreifen bemühte Menschen. Und gleichzeitig sind wir als Familie Teil von etwas Endlosem, Teil eines Systems ohne eindeutige Grenzen, in ständigem Fluss und andauernd in Veränderung; eine lange Reihe kleiner Zellen, die sich teilen, vermehren, verschmelzen und vergehen.


Unsere Zelle besteht aus Alexandra und Matthias (beide 42) mit Viola (6) und Johann (4). Vor der Geburt unserer Tochter Viola waren wir ein kinderloses Ehepaar. Da hat uns keiner als „Ihr seid eine Familie“ angesprochen, da hatten wir eine. Zwei, um genau zu sein. Jeder seine eben. Es scheint, Familie wird man, wenn man selber Kinder hat.

Zur Familienwerdung gab es das eine oder andere freundlich gemeinte Geschenk aus der endlosen Palette der Bücher von Autoren, die es besser wissen. Ein rettender Gedanke beim Anblick dieser zum ungelesen bleiben verurteilten Seiten Expertenwissen war der folgende: Elternratgeber gibt es erst seit rund hundert Jahren. Wenn man sie wirklich brauchen würde, wären wir alle nicht da. Sind wir aber. Und so haben wir uns auf eigene Faust auf den Weg gemacht, herauszufinden, was es mit Familie so auf sich hat.

Die ersten Jahre in Köln haben wir im Stadtbezirk Kalk verbracht. Das sei, so haben uns die Kölner Freunde unserer Elterngeneration zu verstehen gegeben, kein guter Ort zum Leben. Nach elf Jahren können wir das immer noch nicht finden. Dennoch sind wir vor ein paar Monaten aus der Innenstadt an den Stadt- bzw. Waldrand gezogen. Jetzt haben wir plötzlich Platz und Raum, jeder für sich und wir als Familie. Die Wege im Alltag sind nun zwar länger, unsere gemeinsame Zeit aber ist intensiver geworden. Wir finden Ruhe zum Kochen, Backen, Kneten, Basteln und Spielen, drinnen und draußen. Nach anstrengenden Jahren der Brutpflege sind wir auf dem Weg in ein Familienleben.

Ein erfreulich großer Teil unserer durch die Kinder gewonnenen Freunde und Bekannten findet den Weg zu uns nicht zu weit. Und so bestätigt sich wieder die Binsenweisheit, Freunde könne man sich aussuchen, aber nicht seine Familie. Wie alle Binsenweisheiten ist das natürlich vollkommen richtig. Das gilt auch für die eigenen Kinder. Die sucht man sich auch nicht aus; selbst wenn man sie sich sehr wünscht, bekommt man von Anfang an eine Überraschung nach der anderen. Glückliche Momente sind die, in denen die Überraschungen nicht mit jähen Panikattacken einhergehen.

Familie ist nicht planbar, weder in der sog. ‚Planung‘, noch in der ‚Durchführung‘. Der Alltag mit Kindern ist immer intensiv und geht oft an die Grenzen der Belastbarkeit. Vor allem die Notwendigkeit des Lebens im Hier und Jetzt, das ein völliges Sich-Einlassen fordert, steht dabei in krassem Widerspruch zu den Anforderungen, die unsere gegenwärtige Gesellschaft stellt: Sie erwartet Planbarkeit und Berechenbarkeit, Zielsetzungen und Wirtschaftlichkeit.

Die Kinder führen uns vor Augen, dass das Leben eigentlich etwas anderes ist. Es geht nicht um das leblose Ideal, sondern um das gelebte Machbare.

Heutzutage reden ja viele Leute über Kreativität. Sie sei eine der wichtigsten Fähigkeiten, die Kinder haben und sich erhalten müssen und stets in Gefahr, im Zuge einer ganz normalen Schulausbildung mit Stumpf und Stiel ausgejätet zu werden. Sie sei die Fähigkeit, originelle Ideen mit Mehrwert zu entwickeln. Aus Elternsicht ist Kreativität allerdings auch die Fähigkeit, beliebige Gegenstände gänzlich unerwarteten und neuen Verwendungszwecken zuzuführen, meist unter Gefährdung von Leib und Leben. Für Eltern ist vielleicht eine ausgeprägte Vorstellungskraft eher hinderlich, wenn es darum geht, dem Kind seinen Freiraum zu lassen. Es fallen einem einfach bei jeder Gelegenheit all die möglichen, wenngleich unwahrscheinlichen, unschönen Verläufe ganz normal erscheinender Situationen ein. ‚Augen zu‘ ist manchmal die einzige Chance, nicht zum alles regelnden Überkontrollorgan zu werden.

Diese Abweichung vom Idealzustand, dieser Freiraum, der entsteht, ermöglicht eine individuelle Perspektive auf das Leben, in der das eigene Glück eine Möglichkeit wird und meist dort, wo es nicht geplant war. Wir müssen nur Augen haben, es zu sehen, ein Herz, es wahrzunehmen.


 

Autor_Alexandra&Matthias