MargauxStadtLandMamaZeichnungLisa und Katharina verbindet die Lust am Schreiben (beide Journalistinnen), eine enge Freundschaft (schwer zu pflegen über die Distanz) und die Liebe zu ihren Familien. Darüber und über den Alltag als berufstätige Mütter, über ihre Ehemänner und über die große Bandbreite aller nur denkbaren Muttergefühle schreiben die zwei sich in ihrem Blog www.stadtlandmama.de

Heute beschreibt uns Lisa ihr Glück als Landmama.

 „Beim Metzger werde ich mit dem Vornamen angesprochen“

Neulich saß ich einfach so auf einer Bank und schaute meinen Kindern auf einer riesigen Wiese zu, wie sie versuchten, ihren Drachen steigen zu lassen. Sie kicherten über ihre Fehlversuche und schafften es irgendwann. Ja, das klingt kitschig, aber solche Momente hält das Landleben für uns bereit – fast täglich.

Landleben, das heißt für uns vor allem auch Freiheit. Es gibt hier keine Nachbarn, die mit dem Besen an die Decke klopfen, weil die Kinder mal wieder zu laut waren. Wenn der Wind gut steht, höre ich das Kirchenläuten auf unseren Berg hinauf, wenn er schlecht steht, riecht es nach Gülle. Dafür können unsere Kinder einmal im Monat auf dem Bauernhof aushelfen, es gibt dort Mini-Mistgabeln, mit denen sie den Kühen das Silofutter zum Fressen bringen. Als „Lohn“ gibt es ein Glas frische Milch – noch warm.

kind mit ziegeWir leben auf einem Berg, in einem Haus, das früher mal zu einem Bauernhof gehörte, um uns herum sind Wiesen und Wald. Die Kinder können sich hier frei bewegen, Baumhäuser bauen – ohne mich, ohne Aufsicht, einfach so. Wir leben mit Ziegen, die sie an Stricken durch den Garten führen können – oder auch nicht. Wir haben Hühner, die Eier legen, und Hunde, die uns nachts bewachen. Unsere Gänse haben einen eigenen Teich, mal streiten sie sich mit den Karpfen, mal werden sie vom Fuchs geholt. Wir haben Schaukeln im Baum hängen und brauchen dort nicht anzustehen wie auf dem Spielplatz in der Stadt.

© Julija Goyd

© Julija Goyd

„Eine Fleischwurst für Dich?“, heißt es für die Kleinen beim Metzger und auch ich werde dort mit dem Vornamen angesprochen, weil ich schließlich schon als Kind hier ein- und ausging. Wir kennen uns hier. Und das ist nicht so einschränkend, wie viele vermuten, denn wir haben hier Platz und müssen uns nicht auf die Füße trampeln. Natürlich wird im Dorf getratscht, aber in den Kiezen der Städte doch auch. Und während in der Großstadt vielleicht über die merkwürdigen modischen Anwandlungen der Nachbarin von links unten gequatscht wird, besprechen die Nachbarn hier, wann sie den Kranz für die Goldene Hochzeit der Nachbarn binden oder den für die Hochzeit. Denn so ist das hier: Beim Schnäpschen treffen sich alle und überraschen die anderen.

Als wir aus der Stadt hierherzogen, war uns die Ruhe in der Nacht fast unheimlich. Und die Dunkelheit. Keine Straßenlaternen, keine Autolichter. Und während sich in Berlin schon in den Stadtteilen die Menschen nicht mehr wirklich mischen und die Schulen so gewählt werden, dass sie auch wirklich zum Kind und zum Standard der Familie passen, gehen hier einfach alle zusammen in die eine Dorfschule, mischen sich und erleben so Vielfalt im Kleinen.

Und wenn wir Lust haben, auf Reisen zu gehen, dann ist der Flughafen nur 20 Minuten entfernt. Und nach Köln, in die große Stadt, sind es auch nur 25 Kilometer. Eine halbe Stunde Fahrt. So lang ist man in Berlin auch von Kiez zu Kiez unterwegs. Wir haben hier alles, was wir brauchen. Landleben, das heißt für uns vor allem auch Freiheit. Und Glück. Das auch.

Unsere Tochter sagt, sie zieht trotzdem mit 18 wieder nach Berlin. Unsere Söhne sagen, sie gingen hier nie wieder weg. Auch nicht, wenn sie längst alt wären und ich noch älter. Dann würden sie mir mittags sogar immer eine Suppe kochen. Sagen sie. Bloß nicht hier weg.


 

Autor_Lisa