Die Kinder sind groß und ziehen aus. Die Eltern macht das auf der einen Seite wehmütig. Auf der anderen Seite freuen sie sich aber auch auf die wiedergewonnene Freiheit, mehr Platz im Haus und vor allem mehr Ruhe. Manchen wird es allerdings bald zu ruhig ohne den Nachwuchs. Zu dieser Kategorie zählt Randolf Gränzer. „Unser Haus wurde leer, nachdem unsere beiden Kinder weg waren. Allein mit meiner Frau war mir das auf Dauer etwas wenig“, erzählt der Wirtschaftswissenschaftler. „Also habe ich mich umgesehen und bin auf die Idee der Patenschaft gestoßen.“

Das ist mittlerweile mehr als 20 Jahre her. Inzwischen ist Gränzers Patensohn erwachsen und selber Vater. Der Kontakt zu seinem Paten besteht jedoch weiter, trotz mancher Aufs und Abs. Und Randolf Gränzer ist auch mit inzwischen 79 Jahren noch aktiv. Er ist zwar nicht mehr selber Pate, hat aber einen Verein gegründet und betreut im Internet eine ganze Reihe von Webseiten, die für Interessierte eine erste Anlaufstelle sind und gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit für das Thema ehrenamtliche Patenschaften schaffen sollen.

Aus dem Nachbarn wird ein Aktivpate

Als Wirtschaftswissenschaftler hat Gränzer lang bei der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) in Paris gearbeitet. Dort entstand auch der Kontakt zu seinem Patenkind, einem damals sechs Jahre alten Jungen aus der Nachbarschaft. Zunächst kümmerte sich Gränzer einfach so um das Kind, nahm es erst mit zu Skiausflügen und bald zu vielen weiteren Aktivitäten. „Der Junge konnte so neue Erfahrungen sammeln, hatte in dieser Zeit viel Spaß. Und seine alleinerziehende Mutter wurde etwas entlastet“, erzählt der Aktivpate.

Nach einiger Zeit schaltete sich dann das Jugendamt ein und wies Gränzer darauf hin, dass er sich bei einem Vermittlungsbüro für Patenschaften melden musste. So wurde er offiziell zu einem Aktivpaten und arbeitete schon bald zusätzlich zu seinem Job bei der OECD und seinem Engagement für den Nachbarsjungen auch noch in der Vermittlungsagentur mit.

Belastungsproben gehören dazu

Auch wenn kaum eine Patenschaft über so viele Jahre verläuft wie die von Randolf Gränzer und seinem Schützling: Reibereien und Belastungsproben gehören bei den meisten Tandems dazu. „Mit sechs Jahren sind alle Kinder niedlich und neugierig. Wir waren viel beim Sport, wir hatten jede Menge Spaß miteinander. Ab der Pubertät wurde es dann schwieriger“, erinnert sich der frühere Beamte.

Eines der ganz großen Themen zwischen ihnen war zum Beispiel die Schule. Hausaufgaben? Davor hat sich Gränzers Patensohn meistens erfolgreich gedrückt. Das Abitur hat er trotzdem geschafft. „Ich hatte ihm versprochen, dass ich ihm das Geld für den Führerschein gebe, wenn er das Abitur besteht.“

Nach dem Schulabschluss fingen die echten Schwierigkeiten an, bei denen auch der lebenserfahrene Pate manchmal nicht weiter wusste. Für das Studium zog sein Patenkind in eine andere Stadt. „Dort fand er keinen Anschluss, fühlte sich verloren und ist in schlechte Kreise geraten. Das Studium ging völlig den Bach herunter, nach drei Jahren hat ihn die Universität rausgeschmissen.“

Die Kurve bekommen

„In dem Alter hat er sich nichts von mir sagen lassen. Das war eine ziemlich trübe Phase, für ihn und für mich“, erinnert sich Gränzer, der trotzdem weiter am Ball blieb. „Ich wusste, in dem Jungen steckt eine ganze Menge – ich kannte alle seine positiven Charaktereigenschaften, ich wusste, es lohnt sich, in ihn zu investieren.“ Das Durchhalten zahlte sich schließlich aus. Sein Patenkind fing sich wieder und begann, als Kellner zu arbeiten. Sein Geld ehrlich zu verdienen, einen Job über längere Zeit zu behalten, das habe dem Jungen mehr Selbstwertgefühl vermittelt.

Solche schwierigen Situationen auszuhalten gehört sicherlich zu den größten Herausforderungen für einen Paten. Grundsätzlich benötige man für ein derartiges Engagement viel Geduld mit dem Kind und die Bereitschaft, sich auf ganz andere Lebensverhältnisse einzulassen. „Man sollte keine zu hohen Erwartungen haben, sondern sich immer dem Kind anpassen“, rät Gränzer. Seinem eigenen Patensohn habe er beispielsweise immer Hilfe angeboten und viel mit ihm diskutiert. „Ich habe ihn aber nur selten kritisiert oder korrigiert.“

Internet-Plattform für Aktivpaten

Als Gränzer im Jahr 2000 in Rente geht, zieht es ihn zeitweise zurück in die alte Heimat nach München. Hier gründet er auch seinen Aktivpatenverein. Paten in spe finden hier nicht nur zahlreiche Informationen rund um das ehrenamtliche Engagement für Kinder, sondern auch eine Datenbank mit Vermittlungsstellen. Waren dort anfangs nur ein paar Dutzend Angebote zu finden, sind es mittlerweile mehr als 1700.

Auf diesem Erfolg könnte man sich ausruhen – aber das kommt für Randolf Gränzer natürlich nicht in Frage. Er engagiert sich weiter, sowohl im Netz wie im echten Leben. Er ist nach wie vor ein wichtiger Ansprechpartner für sein Patenkind. Zweimal im Jahr besucht er seinen ehemaligen Schützling, der mittlerweile selber eine kleine Familie hat . Aus dem Leih-Opa ist sozusagen ein Leih-Uropa geworden. Und aus dem schüchternen Jungen, der sich nichts zutraute, ein Erwachsener, der Verantwortung übernimmt. „Mehr habe ich nicht zu erreichen gehofft“, sagt Gränzer.

Mehr Informationen zu den verschiedenen Möglichkeiten, sich als Aktivpate zu engagieren, finden sich unter www.aktivpaten.de .


Titelfoto: unsplash.com/Shlomit Wolf

Autor_Sandra